Zauberinnen und Hexen in der Literatur

Zauberkundige Frauen in griechischen und lateinischen Überlieferungen

Seit Jahrhunderten ist die „Hexe“ in der Literatur einem ständigen Wandel unterworfen. Von der bösen Unholdin bis hin zur hilfsbereiten Gefährtin wurden ihr, je nach Epoche, eine Vielzahl unterschiedlicher Eigenschaften zugeschrieben. Schon in der antiken Literatur wird von zauberkundigen Frauen, die über ein besonderes Wissen bezüglich Zauberkräutern, Salben, geheimer Sprüche und Rituale verfügen, berichtet. Sie sind in der Regel Randfiguren der Gesellschaft und leben fernab der Zivilisation in Wäldern oder Höhlen.1 Die antiken Zauberinnen weisen bereits verschiedene Parallelen und Merkmale auf, die auch im frühneuzeitlichen Hexenbild wiederzufinden

sind, beispielsweise die Nähe zur Giftmischerin, die Beeinflussung des Wetters und der Vollzug von Schadenszauber. Den sehr eigenmächtigen Frauen (Medea, Kirke, Erichtho und weitere thessalische Hexen) werden aufgrund ihres Selbstbewusstseins und ihrer Stärke häufig rachsüchtig-dämonische Eigenschaften zugeschrieben.

Zauberinnen in der höfischen Literatur des Mittelalters Zauberkundige Frauen sind auch in der höfischen Literatur des Mittelalters zu finden. Sie haben oftmals Gemeinsamkeiten mit den Zauberinnen aus den antiken Dichtungen, was auf die Beliebtheit antiker Stoffe im Mittelalter zurückzuführen ist. Heinrich von Veldeke bezieht sich in seinem Eneas-Roman, welcher zwischen 1170 und 1190 entstand, auf die Geschichte Trojas. Als Vorlagen dienten ihm Vergils Aineis (29 – 19 v. Chr.) und der altfranzösische Roman d‘Eneas (um 1160). Die Zauberin, welche Dido helfen soll, sich von Eneas zu entlieben, ist eine besonders weise Frau. Sie verfügt über Wissen, das anderen Menschen bisher verborgen blieb. Zudem kann sie das Wetter beeinflussen, was auf einen Bezug zu den thessalischen Zauberinnen der antiken Literatur schließen lässt. Weitere Zauberinnen finden sich in Gottfried von Straßburgs Werk Tristan, das um 1210 entstand, und im Parzival (zwischen 1200 und 1210) von Wolfram von Eschenbach.

Schwankhaft-komische Hexen in der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts

Seit dem 15. Jh. nahmen die Illustrationen aus Hexenbüchern Einfluss auf die literarische Gestaltung der Hexe. So kam es zu einer Verquickung von Realität, Phantasie und künstlerischer Gestaltung. Die Hexe erschien entweder als ein altes hässliches Weib oder als eine junge verführerische Frau.2 In der Realität fanden im Spätmittelalter bereits die ersten Hexenprozesse in Europa statt. Die literarische Darstellung der Hexe zu dieser Zeit jedoch hat eher die Tendenz zur Komik. In Heinrich Wittenwilers Ring (um 1470), worin Witz und Satire mit tugendhaften Lehren kombiniert sind, tauchen die Hexen im dritten Teil des Werkes auf. Sie fliegen auf Geißen, haben lange Schweinsborsten und tragen Salben bei sich.

Auch bei Hans Sachs finden sich in zahlreichen Texten Hexen und böse Ehefrauen, die zum Teil schwankhafte Züge haben. Sachs gibt anhand der Hexenfigur kombiniert mit dem „Pös wîp“ einen Blick auf Geschlechterrollen jener Zeit. Frauen werden dabei oft als listig und gierig dargestellt. Kritisiert wird besonders ihr nicht vorhandener Wille, sich dem Mann unterzuordnen.3

Hexen in der Literatur zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges

1668 erschien Grimmelshausens Werk Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Der satirisch-kritische Roman berichtet die Lebensgeschichte des Simplicius während des Dreißigjährigen Krieges, wobei in zwei Kapiteln eine geheime Hexenversammlung und die damit verbundene Existenz der Hexen thematisiert werden (2. Buch, Kap. 17/18).

1670 veröffentlichte Grimmelshausen das zweite Werk des simplicianischen Zyklus: Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche. Es berichtet vom Leben und Schicksal einer Frau namens Courasche (Libuschka) während des Dreißigjährigen Krieges. Die Verhaltensweisen der Courasche entsprechen nicht den Normvorstellungen der damaligen Zeit. Sie kämpft in Schlachten, gibt sich als Mann aus, ist mehrmals verheiratet, verdient ihr Geld mit Prostitution und lebt mit Zigeunern zusammen. Dieses Verhalten bringt die Courasche in die Nähe der Hexerei.

Die Hexe in der Literatur der Aufklärung und Romantik

Mit der Aufklärung ging eine Kritik des Aberglaubens einher, wobei besonders das Mittelalter und die frühe Neuzeit als abergläubisch düstere Epochen angesehen wurden. Mit der Kritik an Hexen- und Teufelsglauben veränderte sich auch die literarische Rezeption. Die Hexen wurden zum Teil rehabilitiert und romantisiert.

Goethes Faust von 1808 ist die wohl bekannteste Faust-Dichtung. Neben dem Bündnis Fausts mit Mephistopheles in Form des Teufelspaktes tritt im Prolog zu Faust II. die thessalische Hexe Erichtho als Leiterin der Walpurgisnacht auf. Neben der Aufarbeitung historischer Stoffe erfreute sich die Hexe besonders in der Romantik großem Interesse. Vor allem die Märchen der Brüder Grimm und Volkssagen prägten das Hexenbild nachhaltig.

Auch in vielen romantischen Erzählungen und Novellen sind Hexen zu finden. Besonders in E.T.A. Hoffmanns Gesamtwerk ist das Hexenmotiv breit gestreut. Es begegnet uns beispielsweise in seinem Fragment Der Feind und im Märchen vom Goldenen Topf.

Literatur um Hexenprozesse im 19. Jahrhundert

Mit der beginnenden historischen Erforschung der Hexenverfolgung entstanden auch die ersten epischen Dichtungen um Hexenprozesse. Es fand eine Abkehr von der romantisierten Hexenfigur hin zu realistischen Darstellungen statt, wobei zum Teil Chroniken und historisch verlässliche Quellen einbezogen wurden.

1832 erschien die Novelle Der Hexensabbath von Ludwig Tieck. Er bezieht sich dabei auf real-historische Hexenprozesse, die 1459 im burgundischen Arras stattfanden. Tieck zeichnet seine Hauptfiguren als sehr aufgeklärt und schafft damit unzeitgemäße Idealbilder, die sich von ihrer Gemeinde abheben. Durch diese für die Zeit unpassenden Figuren wird das Gefahrenpotential eines zeitlosen Massenwahns aufgezeigt, wogegen Kunst und Vernunft machtlos sind.4

Illustration: Dagmar Elsner-Schwintowsky. In: Meinhold, Wilhelm (1969): Die Bernsteinhexe. Berlin: Verlag Neues Leben

Wilhelm Meinhold widmet sich in zwei Werken der Hexenthematik. Zum einen in seiner Chroniknovelle Die Bernsteinhexe(1843) und zum anderen in dem Roman Sidonia von Bork. Die Klosterhexe (1847). Der Sidonien-Stoff beruht auf realen Begebenheiten.

In den 1854 erschienenen Hexengeschichten von Ludwig Bechstein wird in fünf Erzählungen von Hexenwerk, Teufelspakten und Schadenszaubern berichtet. Bechstein stützte sich bei der Entwicklung der Erzählungen zum Teil auf reale regionale Quellen.

Wilhelm Raabe zeigt in seiner 1865 erschienenen historischen Novelle Else von der Tanne wie ein kleines Mädchen Opfer einer in den Kriegswirren orientierungslosen Dorfgemeinschaft wird. Else, welche mit ihrem Vater den Wald am Rande des Dorfes bewohnt und eine große Naturverbundenheit in sich trägt, wird von den Dorfbewohner/innen schnell als Hexe stigmatisiert. Lediglich der Gemeindepfarrer hilft Else und stilisiert sie zur Heiligenfigur. Raabe zeigt damit ein dualistisches Frauenbild, die Hexe und ihr heiliges Gegenbild.

Eine weitere literarische Rezeption eines Hexenprozesses liefert Theodor Storm 1878 mit seiner Novelle Renate. Berichtet wird über die Liebesgeschichte des Pfarrersohns Josias und der Bauerntochter Renate sowie deren zunehmende Entfremdung. Die Novelle thematisiert das Verhältnis zwischen Glaube, Aberglaube und Christentum, besonders an der Figur des Josias.

Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich (2. Fassung Ende 1870er Jahre) enthält ein Kapitel, in dem über den Hexenprozess der kleinen Meret berichtet wird. Trotz ihres jungen Alters wird sie erotisch anziehend, verführerisch und sehr widerspenstig beschrieben. Ihre Widerspenstigkeit gegen patriarchale Verhältnisse und gesellschaftliche Normen wird von einem Pfarrer als teuflische Besessenheit und von einem Arzt als natürlicher hysterischer weiblicher Wahnsinn gewertet. Anhand von Meret wird gezeigt, wie sich in der Frau das Bild der Hexe und der Geisteskranken vereinen.

Der Fürst der Welt – eine Kritik am Nationalsozialismus

Der Fürst der Welt von Erika Mitterer wurde 1940 veröffentlicht. Der Roman führt die Lesenden in eine vom Aberglauben und Hexenwahn befallene mittelalterliche Bischofsstadt, in der drei Frauen Opfer der Inquisition werden. Zunächst ist der Ausbruch einer Seuche Anlass für die Suche nach Sündenböcken. Gegenseitiges Misstrauen und Anschuldigungen sowie Denunziation der Mitbürger/innen breiten sich aus. Eine Besonderheit des Romans stellen auch die Bezüge zu zeitgenössischen Phänomenen der 1930er bzw. 1940er Jahre dar. Es wird das Verhalten von Verblendeten, Fanatikern, Mitläufern, Verrätern und einer zahllosen Masse Halbentschlossener nachgezeichnet, was dem Zweck dient, Kritik am NS-Regime zu üben, indem durch eine Analogie der Inquisition und deren Hexenprozesse gezeigt wird, wie es zur Machtergreifung des Bösen in einer scheinbar heilen Welt kommen kann.5

Die neue Hexe seit den 1950er Jahren

In den 1950er Jahren ändert sich das Bild der Hexe in der Literatur grundlegend. Die Kinder- und Jugendliteratur bildet dabei 1957 mit Otfried Preußlers Die kleine Hexe den Anfang. Die in den Jahrhunderten zuvor klar definierten Figurenrollen von Gut und Böse geraten ins Wanken und herkömmliche Figureneigenschaften werden grundsätzlich hinterfragt. Die Hexe wird zum hilfsbereiten Wesen und zur Gefährtin von Kindern oder Tieren.

In der Erwachsenenliteratur hat die Frauenbewegung der 1970er Jahre besonderen Einfluss auf die Darstellung der Hexe. Eine in der Gesellschaft komplett integrierte Frau, welche in irgendeiner Weise mit Hexen in Verbindung steht oder gar selbst magische Kräfte besitzt, wird sich ihren besonderen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewusst. Besonders unter DDR-Autorinnen ist die Hexe eine beliebte Möglichkeit, um Kritik an patriarchalischen Verhältnissen zu üben. Bei Irmtraud Morgner, Renate Apitz und Elke Willkomm sind starke, eigenwillige Frauen, die unter den gesellschaftlichen Zwängen leiden, die Hauptpersonen. Sie versuchen sich davon zu befreien und werden schließlich zu modernen Hexen stilisiert.

Gegenwartsliteratur

Dass das Thema der Hexenverfolgung auch in der Gegenwart sehr beliebt ist und sich Bücher dieses Genres gut verkaufen lassen, zeigt die Vielzahl an historischen Romanen, in welchen oftmals der Hexereiverdacht gegen eine junge Frau mit einer Liebesgeschichte kombiniert wird. Einige historische Romane der Gegenwart beziehen sich jedoch auch auf realhistorische Hexenprozesse. Beispielsweise verarbeitet die schweizerische Schriftstellerin Eveline Hasler in ihrem Roman Anna Göldin. Letzte Hexe literarisch die Ereignisse um die Schweizerin Anna Göldi, welche am 13. Juni 1782 in Glarnus als eine der letzten Hexen Europas hingerichtet wurde.

Besonders in der Kinder- und Jugendliteratur erfreuten sich Hexen und Zauberinnen sowie Zauberer größter Beliebtheit und kommerzieller Erfolge. Mit Harry Potter schuf J. K. Rowling eine der erfolgreichsten Fantasy-Bücherreihen aller Zeiten. Durch die Beliebtheit der Zauberer und Hexen durch Harry Potter aber auch weiterer Bücher, Filme und Serien (Charmed-Zauberhafte Hexen, Die Hexen von Eastwick usw.) gab es seit Anfang der Jahrtausendwende einen zunehmenden Anwuchs von Sachbüchern, die sich mit dem Erlernen von Zaubersprüchen, Zaubertränken und allerhand anderem „Hexenwerk“ beschäftigen. Die Beliebtheit beschränkt sich in der heutigen Zeit nicht nur auf die „guten“ Hexen, auch die „bösen“ Hexen tauchen in der Grusel und Horrorliteratur auf. Hier gibt es nach wie vor stereotypische Darstellungsweisen von Hexen als schadenstiftende alte Frau und Repräsentantin des Bösen.

 

Quellen:

1. Vgl.: Baertschi, Annette/ Fögen, Thorsten: Die Zauberinnen und Hexen in der antiken Literatur., in: Gymnasium. Zeitschrift für Kultur der Antike und Humanistische Bildung Bd. 113, Heft 3, Hg. v. Richard Klein und Ulrich Schmitzer, Berlin 2006, S. 224

2. Schmidt, Siegrid (2004): Die Hexe als kulturelles Objekt in der Literatur, in der bildenden Kunst und im Museum, in: George, Marion; Rudolph, Andrea (Hg.): Hexen. Historische Faktizität und fiktive Bildlichkeit (kulturwissenschaftliche Beiträge Bd.3), Dettelbach, S. 451

3. Zum Beispiel: Die zwölff eygenschafft eines bosshaften Weybs von 1530., in: Hans Sachs: Werke. Hg. v. Adalbert von Keller und Edmund Goetze, Tübingen 1870-190

4. Vgl.: Kippel, Markus: Die Stimme der Vernunft über einer Welt des Wahns. Studien zur literarischen Rezeption der Hexenprozesse (19.-20- Jahrhundert)., Münster 2001, S. 40

5. Vgl.: Brown, Bernard: Erika Mitterers Roman „Der Fürst der Welt“., in: Der literarische Zaunkönig. Die Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, Nr. 2/2003, Wien 2003, S. 9

Illustration: Dagmar Elsner-Schwintowsky. In: Meinhold, Wilhelm(1969[org. 1843]): Die Bernsteinhexe. Berlin: Verlag Neues Leben.

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