{"id":113,"date":"2017-05-27T15:56:55","date_gmt":"2017-05-27T13:56:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=113"},"modified":"2017-05-29T18:06:21","modified_gmt":"2017-05-29T16:06:21","slug":"ein-hexenprozess-1658-1660","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=113","title":{"rendered":"Ein Hexenprozess 1658 &#8211; 1660"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-size: 18pt;\">Ein Prozess, der vor dem Leipziger Sch\u00f6ppenstuhl verhandelt worden ist.<\/span><\/h3>\n<p>Im Jahre 1658 starb in dem Dorfe Wehlitz bei Magdeburg dem Hirten Hans Brose ein Kind. Die Mutter erz\u00e4hlte darauf, ihr Kind sei keines gew\u00f6hnlichen Todes gestorben, sondern von einer Nachbarin, der Anna Eve, mithilfe von Zauberei get\u00f6tet worden. Nachdem das Gerede im Dorf nicht aufh\u00f6ren wollte, ging schlie\u00dflich der Mann der Anna Eve auf das Gericht im nahegelegenen Gommern und erstattete Anzeige gegen Frau Brose.<\/p>\n<p>Daraufhin wurden die beiden Frauen am 17.12.1658 verh\u00f6rt. Die Angeklagte, Frau Brose, sagte aus, dass ihre beiden T\u00f6chter im Sommer neben dem Haus der Eves gespielt h\u00e4tten, woraufhin Frau Eve erschienen w\u00e4re und die beiden als Teufelskr\u00f6ten bezeichnet h\u00e4tte. Der Kleineren h\u00e4tte sie dabei dreimal auf die Hand gespuckt. Kurz darauf h\u00e4tte diese \u00fcber Schmerzen geklagt. In ihrem Bett fanden sich W\u00fcrmer wie gro\u00dfe Fliegen. Das Kind verstarb.<\/p>\n<p>Frau Eve hingegen beteuerte, davon nichts zu wissen und schilderte ihre Sicht: Sie hatte damals Leinwand zum Bleichen auf der Wiese liegen. Dann bemerkte sie, dass Kinder darauf herumgelaufen seien. Da habe sie in ihrem \u00c4rger zu sich selbst gesprochen, sie wollte, \u201edass die Kinder hart und treuge w\u00fcrden, zur Strafe daf\u00fcr, dass sie ihre Leinwand nicht in Frieden lie\u00dfen\u201c. Gesehen habe sie aber keine Kinder.<\/p>\n<p>Der Ortspfarrer erkl\u00e4rte dazu, er tr\u00fcge Bedenken, Frau Eve zur Beichte und zum Abendmahl zuzulassen, ehe sie sich von der Anklage der Hexerei gereinigt habe.<\/p>\n<p>Im Februar 1659 kam das Gericht aus Gommern nach Wehlitz und befragte alle Dorfbewohner\/innen zur Sache. \u00dcber die Eves wurde nur Gutes gesagt, bis auf drei Frauen, die erz\u00e4hlten, einen fliegenden Klumpen Feuer gesehen zu haben, der im Eve\u2019schen Haus verschwunden sei. Die Aussagen schickte das Gericht nach Leipzig an den kurf\u00fcrstlich s\u00e4chsischen Sch\u00f6ppenstuhl. Dieser befahl dem Gericht, Anna Eve sofort ins Gef\u00e4ngnis zu bringen und zu befragen. Alles solle dokumentiert und nach Leipzig geschickt werden.<\/p>\n<p>Anna Eve kam in das Gef\u00e4ngnis zu Gommern und wurde verh\u00f6rt. Dabei wies sie die Schuld am Tod des Kindes, als auch jegliche Verbindung zur Zauberei von sich, soll jedoch die ganze Zeit \u00fcber gel\u00e4chelt haben.<\/p>\n<p>Nachdem das Protokoll nach Leipzig geschickt worden war, hie\u00df es in der Antwort, die Angeklagte werde beschuldigt, das Kind der Broses verhext zu haben und einen Drachen zu besitzen. Sie leugne zwar beides, doch sei davon auszugehen, dass sie von der Verhexung des Kindes gewusst habe. Zudem h\u00e4tten Zeuginnen beobachtet, wie ein fliegender Klumpen Feuer in ihrem Haus verschwand. Die Angeklagte solle der Folter unterzogen werden.<\/p>\n<p>Am 8. Oktober 1660 wurden Anna Eve die Fragen des Leipziger Sch\u00f6ppenstuhls vorgelegt. Als sie darauf ihre Unschuld beteuerte, wurde sie dem Scharfrichter \u00fcbergeben. Ihr wurden Daumenschrauben angelegt und sie wurde gefragt, ob sie mithilfe von Zauberei das Kind der Broses verhext habe. Anna Eve beteuerte, keine Hexe zu sein und sonst nichts weiter zu wissen. Dass sie das Kind verw\u00fcnscht habe, sei lange vor dessen Krankheit geschehen. Hierzu wurde im Protokoll vermerkt, dass Anna Eve zwar so getan habe, als w\u00fcrde sie weinen, jedoch keine Tr\u00e4nen zeigte.<\/p>\n<p>Nach dem Anlegen der spanischen Stiefel wurde sie gefragt, wie sie das Kind verzaubert habe, worauf sie betonte, nichts zu wissen. Dabei fluchte sie auf Brose\u2018s, da sie das Kind nicht anger\u00fchrt habe und keine Hexe sei. Gott k\u00f6nne dies bezeugen. Anna Eve wurde auf die Leiter gezogen und die spanischen Stiefel enger geschraubt. Auf die Frage, ob sie mit dem Drachen oder anderem B\u00f6sen verb\u00fcndet sei, antwortete sie, noch nie einen Drachen gesehen zu haben, noch den Teufel zu kennen. Sie k\u00f6nne nichts zugeben und w\u00fcrde unschuldig gefoltert. Der Gerichtsschreiber notierte, dass die Angeklagte weder Tr\u00e4nen vergossen, noch vor Schmerz geschrien habe, sondern stets ihre Unschuld betonte. W\u00e4hrend der Folter sei sie allerdings zweimal eingeschlafen, einmal habe sie geschnarcht. Ihr Gesicht hatte die Zeit \u00fcber stets eine gesunde Farbe. Ihr K\u00f6rper zeigte keine Zeichen der Folter. Der Leipziger Sch\u00f6ppenstuhl empfand dies als besonders verd\u00e4chtig. Aus diesen Gr\u00fcnden sollte sie nochmals gefoltert werden.<\/p>\n<p>Am 3. November 1660 wurde die Angeklagte vom kurf\u00fcrstlich s\u00e4chsischen Amtssch\u00f6ff er befragt. Sie beteuerte ihre Unschuld, zeigte aber keine Tr\u00e4nen \u2013 und wurde wieder dem Scharfrichter \u00fcbergeben. Ihre H\u00e4nde wurden mit Leine eingeschn\u00fcrt, die spanischen Stiefel angezogen. Da Anna Eve nicht auf die gestellten Fragen reagierte, unterbrach der Scharfrichter die Folter, um einen Trank aus Leber, Galle und Johanniskraut zu kochen, um mit ihm den Teufel aus der Angeklagten zu vertreiben. Nachdem ihr der Trank verabreicht wurde, ging die Verhandlung weiter. Ihre K\u00f6rperhaare wurden mit Feuer versengt.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde an der Leiter beteuerte sie abermals ihre Unschuld, dabei betete sie. Aufgrund ihres normalen Sprechens und der gesunden Gesichtsfarbe wurde sie mehrfach mit brennendem Schwefel beworfen, die Leiter ger\u00fcttelt. Sie musste ein weiteres Mal den Trank trinken. Danach rief sie: \u201eDu Sohn Davids, erbarme dich mein!\u201c Daraufhin schwieg sie f\u00fcr eine Weile und antwortete nicht mehr auf Zurufe.<\/p>\n<figure id=\"attachment_219\" aria-describedby=\"caption-attachment-219\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-219\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schmetterling-250x300.png\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schmetterling-250x300.png 250w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/schmetterling.png 283w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-219\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">illustriert von Caroline Sander, Leipzig 2017<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch ihr Gesicht behielt seine Farbe. Sie vergoss weder Tr\u00e4nen noch Schwei\u00df. Die Prozedur wurde ein drittes und viertes Mal wiederholt. Als die Angeklagte danach noch auf der Leiter lag, ist einschwarz-roter Schmetterling um sie und den Scharfrichter herumgeflogen. Ihm sah sie nach. Der Schmetterling flog an das Fenster, blieb dort eine Weile und flog dann hinaus. Da verzog sich das Gesicht der Angeklagten. Sie riss den Mund weit auf und redete nicht mehr. Ihre Lippen wurden blau. Sobald der Falter verschwunden war, wurde die Angeklagte still. Als sie von der Leiter gehoben wurde, lebte sie noch, doch kurz darauf war sie tot. Die Glocke hat eben acht geschlagen.<\/p>\n<p>Das Urteil von Rechts wegen, kurf\u00fcrstlich s\u00e4chsische Sch\u00f6ppen zu Leipzig: Sie habe zwar w\u00e4hrend der Folter nicht gestanden, doch gebe es starke Zeichen gegen sie, zum Beispiel den Falter. Sie solle deshalb ohne christliche Zeremonie, an einem absonderlichen Ort bestattet werden.<sup><a id=\"fnref-1\" href=\"#fn-1\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Quelle:<\/strong><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-1\"><span style=\"font-size: 12pt;\">1. Kommission des Leipziger Lehrervereins (1928): Leipzig in Geschichten und Bildern &#8211; Heimatkundliche Lesest\u00fccke zur Erg\u00e4nzung der Leipziger Schulleseb\u00fccher. Leipzig: Verlag der D\u00fcrr\u00b4schen Buchhandlung. S. 51-58<a href=\"#fnref-1\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Zeichnungen: Caroline Sander, Leipzig 2017<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Prozess, der vor dem Leipziger Sch\u00f6ppenstuhl verhandelt worden ist. 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