{"id":58,"date":"2017-05-22T12:44:08","date_gmt":"2017-05-22T10:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=58"},"modified":"2017-05-29T18:01:58","modified_gmt":"2017-05-29T16:01:58","slug":"frauen-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=58","title":{"rendered":"Frauen-Alltag"},"content":{"rendered":"<p>Der Alltag der Menschen im Mittelalter war bis zum 14. Jahrhundert in Mittel- und Westeuropa viel st\u00e4rker als heute durch den jeweiligen gesellschaftlichen Stand bestimmt. In der Oberschicht wurden sehr oft Ehen geschlossen, um Besitz oder Titel zu vererben. F\u00fcr das <em>einfache Volk<\/em> war eine Eheschlie\u00dfung <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> \u00fcblich. Sie lebten ohne Trauschein (Konkubinat), zusammen mit ihren Kindern. Das bedeutete, dass nichtehelich geborene Kinder nicht schlechter angesehen waren als eheliche: \u201eKein Kind ist seiner Mutter <em>Kebs-Kind<\/em>\u201c lautete ein allgemeinbekannter Satz und meint, dass jedes Kind einer Mutter <strong>ein ehrbares Kind<\/strong> ist. Bis ins 10. Jh. galten Kinder aus einer Verbindung von <em>freien<\/em> M\u00e4nnern mit <em>unfreien<\/em> (Neben-)Frauen, die sogenannten Kebsen (z.B. h\u00f6rige Leibeigene) als <em>Kebs-Kinder<\/em>. <em>Kebskinder<\/em> hatten weniger Rechte. Sie konnten z.B. nicht erben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_233\" aria-describedby=\"caption-attachment-233\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-233\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/posaune-fin-300x283.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/posaune-fin-300x283.jpg 300w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/posaune-fin-768x724.jpg 768w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/posaune-fin.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-233\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Bilder aus: Wolf-Graaf, Anke (1983): Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit. Weinheim und Basel: Beltz Verlag<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch gab es Frauen, die allein lebten und\/oder sich ihren Unterhalt selbst erarbeiteten. Frauen waren in mehr als 200 bekannten Berufen t\u00e4tig. Frauen konnten sich unter bestimmten Voraussetzungen als B\u00fcrgerin in einer Stadt niederlassen. Sie konnten als M\u00e4gde oder als Tagel\u00f6hnerin auf dem Bau arbeiten (bis zu 30% der auf dem Bau Arbeitenden waren Frauen, die schon damals geringer entlohnt wurden). Frauen waren auch <em>unterwegs<\/em> \u2013 z.B. als H\u00e4ndlerinnen, M\u00e4gde, Wanderarbeiterinnen, Gauklerinnen, Musikerinnen \u2013 oder Marketenderinnen, die kriegerische Heere begleiteten. Und es gab Frauen, die auf Pilgerfahrt gingen.<\/p>\n<p>In <em>Frauenkl\u00f6stern<\/em> oder religi\u00f6sen <em>Laien-Schwesternschaften<\/em> (wie z.B. den Beginen) erwarben Frauen Wissen und gaben dieses weiter. Handwerkerinnen konnten sich in zunft\u00e4hnlichen Gruppen organisieren (vor allem im Textilgewerbe) und Lehrt\u00f6chter ausbilden. Besonders die Verarbeitung von Tier- und Pflanzenfasern zur Stoffherstellung lag damals in Frauenhand: Flachsverarbeitung, Wolle waschen, k\u00e4mmen, spinnen, f\u00e4rben, n\u00e4hen, sticken, flicken und weben, wobei das Weben auf dem Land und sp\u00e4ter in den St\u00e4dten zunehmend M\u00e4nner \u00fcbernahmen. Frauen arbeiteten im Metall und Holzhandwerk; stellten u.a. Nadeln, Schnallen, Ringe oder Golddraht her; Besen, B\u00fcrsten, Matten und K\u00f6rbe, Rosenkr\u00e4nze und Schl\u00fcssel. Es gab B\u00f6ttcherinnen und Fassbinderinnen, st\u00e4dtisch angestellte Turmw\u00e4chterinnen, Z\u00f6llnerinnen, Postmeisterinnen.<sup><a id=\"fnref-1\" href=\"#fn-1\">1<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Verarbeitung von Milch und K\u00e4se sowie Backen und Brauen \u2013 waren T\u00e4tigkeiten, die ebenfalls im fr\u00fchen Mittelalter fast ausschlie\u00dflich von Frauen betrieben wurden. Auch in der Getreideverarbeitung waren Frauen t\u00e4tig.<strong> \u201eDer erste verbriefte M\u00fcller\u201c in Leipzig war eine M\u00fcllerin.<\/strong><sup><a id=\"fnref-2\" href=\"#fn-2\">2<\/a><\/sup> Sie betrieb bis 1392 die M\u00fchle in Gohlis, in der heutigen Platnerstra\u00dfe. Frauen arbeiteten als <em>freie<\/em> oder <em>unfreie<\/em> abgabepflichtige B\u00e4uerinnen, die in der Feldarbeit mithalfen (Pfl\u00fcgen, S\u00e4en, J\u00e4ten, Ernten) sowie bei der Imkerei oder dem Fischfang.<\/p>\n<figure id=\"attachment_234\" aria-describedby=\"caption-attachment-234\" style=\"width: 653px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-234\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/milch-300x125.jpg\" alt=\"\" width=\"653\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/milch-300x125.jpg 300w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/milch-768x320.jpg 768w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/milch-1024x426.jpg 1024w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/milch.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 653px) 100vw, 653px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-234\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Zwei B\u00e4uerinnen, die melken und Butter machen. Erste H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die harte Erwerbsarbeit brachte oft nicht den Lohn, um ein Kind ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Frauen, die aus diesem Grund keine Kinder wollten, mussten deshalb nicht enthaltsam leben, sondern nutzten bekannte verh\u00fctende oder abtreibende Mittel, die selbst hergestellt wurden oder von Kr\u00e4uterfrauen und Wehm\u00fcttern\/Hebammen erh\u00e4ltlich waren. Im Mittelalter galt: \u201e<strong>Kein Land \u2013 keine Heirat<\/strong>\u201c \u2013 das bedeutete, wenn Kindern keine Zukunft garantiert werden konnte, bekamen Frauen oder Paare keine Kinder. Dieser \u201efreie Umgang mit Sexualit\u00e4t\u201c war f\u00fcr <em>die Kirche<\/em> s\u00fcndiges, unmoralisches Leben. Besonders auch im Kontext, dass <em>die Kirche<\/em> seit Jahrhunderten versuchte, in der Priesterschaft das Z\u00f6llibat bzw. die Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit <em>wertzupreisen<\/em>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch m\u00fcde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.\u201c (Martin Luther: Werke. Weimarer Ausgabe, Bd 10\/2, Weimar 1907, S. 296)<\/p><\/blockquote>\n<p>Infolge der Hexenverfolgung im Zeitraum vom 15. bis ins 18. Jahrhundert ging ein gro\u00dfer Teil des gesundheitlichen Wissens um Verh\u00fctung, Geburt und Kindbett verloren. Eine der Folgen: Die Kinder- und die M\u00fcttersterblichkeit, die vor der Hexenverfolgung schon hoch war, nahm um ein Vielfaches zu. Das Bev\u00f6lkerungswachstum in Europa wird bis ins Mittelalter als relativ konstant angenommen. Ab dem 17. Jh. steigt \u2013 trotz der viel h\u00f6heren Kindersterblichkeit \u2013 das Bev\u00f6lkerungswachstum exponentiell an. Die katholische Kirche verbietet noch heute \u201ek\u00fcnstliche Verh\u00fctung\u201c, d.h. weltweit das Verbot, Verh\u00fctungsmittel zu nutzen.<\/p>\n<h2><strong>Heilkunde allgemein und Gyn\u00e4kologie<\/strong><\/h2>\n<p>waren bis ins 14. Jh. meist <em>Frauensache<\/em>. Die wenigen \u00c4rzte in den St\u00e4dten waren f\u00fcr die \u00fcberwiegende Landbev\u00f6lkerung nicht erreichbar. Auch in den St\u00e4dten war die medizinische Versorgung der Menschen schlecht. Hebammen, Kr\u00e4uterkundige und\/oder umherziehende Bader\/innen wurden in dieser Zeit aufgesucht, um Schmerzen, Verletzungen, Krankheiten zu lindern&#8230; <em>heilen zu lassen<\/em>.<\/p>\n<figure id=\"attachment_235\" aria-describedby=\"caption-attachment-235\" style=\"width: 316px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-235\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/hortuluss-fin-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"316\" height=\"238\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/hortuluss-fin-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/hortuluss-fin-768x579.jpg 768w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/hortuluss-fin.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-235\" class=\"wp-caption-text\">Frauen im Kr\u00e4utergarten. Titelbild des \u201eHortulus\u201c von Walahfrid Strabo, 840<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zudem war f\u00fcr \u201estudierte Doctoren\u201c die Niederkunft eine \u201eKrankheit\u201c, mit der sie sich nicht befassten. Gyn\u00e4kologie durfte von M\u00e4nnern nicht ausge\u00fcbt werden. Die gesundheitliche Versorgung der Frauen w\u00e4hrend Schwangerschaft, Geburt und Kindbett lag seit Jahrtausenden bei Hebammen, <em>Wehm\u00fcttern<\/em>, <em>Stuhl- und Bey-Weibern<\/em>, die dieses umfangreiche Wissen m\u00fcndlich aneinander weitergaben.<sup><a id=\"fnref-3\" href=\"#fn-3\">3<\/a><\/sup> Universit\u00e4ten, die \u00c4rzte ausbildeten, entstanden im deutschsprachigen Raum relativ sp\u00e4t; in Leipzig um 1409. Das \u00e4nderte sich mit dem Beginn der Hexenverfolgung.<\/p>\n<h2><strong> Rolle der Kirche und die Folgen<\/strong><\/h2>\n<p>In fast jedem Dorf und in den St\u00e4dten standen Kirchen, aber der Glaube der Bev\u00f6lkerung war stark verbunden mit naturreligi\u00f6sen Elementen. Magie spielte in vielen Alltagszusammenh\u00e4ngen eine Rolle. Aus diesem Grund versuchte die katholische Kirche seit Jahrhunderten, vorchristliche Sichtweisen und Rituale <em>einzubinden<\/em>, um st\u00e4rker von der Bev\u00f6lkerung angenommen zu werden und so den christlichen Glauben leichter verbreiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit Beginn der Hexenverfolgung ist die Zeit der Inquisition fast vorbei. Die Inquisition verfolgte Menschen, die \u201enicht den richtigen Glauben hatten\u201c. Verfolgt wurde aber nicht vorrangig <em>ein Geschlecht<\/em>. Die Hexenverfolgung schafft aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden jetzt eine <strong><em>neue zu verfolgende Personengruppe<\/em><\/strong>, die vorrangig und ausdr\u00fccklich weibliche Personen benennt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sachsen ist der \u00e4lteste Hexen-Prozess mit Todesfolge f\u00fcr 1409 durch <strong>Manfred Wilde<\/strong> recherchiert.<sup><a id=\"fnref-4\" href=\"#fn-4\">4<\/a><\/sup> Die im <em>Hexenhammer<\/em> gelisteten Gr\u00fcnde der Verfolgung waren oft Deckmantel pers\u00f6nlich motivierter Anzeigen: aus Eifersucht, Neid, Konkurrenz, Missgunst, verwandtschaftliche Streitigkeiten, aus dem Wunsch den\/die Ehepartner\/in loszuwerden; verd\u00e4chtig waren auch Krankheiten wie z.B. Epilepsie. Es reichte eine anonyme Verd\u00e4chtigung, eine Sammlung absurder Indizien. Es wurden G\u00fcter konfisziert und von den Familien der Angeklagten hohe Gerichtskosten eingezogen, die Familien bis in Armut und Mittellosigkeit f\u00fchren konnten.<\/p>\n<p>Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg 1618 &#8211; 1648 f\u00fchrte zu einem Zusammenbruch des gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Gef\u00fcges. 1631 formulierte der Theologe <strong>Friedrich Spee von Langenfeld<\/strong> klare \u00f6ffentliche Kritik am <em>Hexenwahn<\/em>. Die Hexenverfolgung endet in Europa zwischen 1700-1780. In den deutschsprachigen L\u00e4ndern gibt es keinen verordneten Abbruch der Hexenverfolgung. 1782 fand die letzte Hexen- Hinrichtung in der Schweiz statt.<\/p>\n<h2><strong>Einige gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen, die in der Hexenverfolgung (mit-)begr\u00fcndet sind:<\/strong><\/h2>\n<ul>\n<li>In den katholischen und evangelischen Kirchen begann die Anlage von Tauf- und Sterberegistern (Kirchenb\u00fccher) zur \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung.<\/li>\n<li>Kein Kind sollte mehr ohne das Wissen der Kirche geboren werden. Ab 1400 wurden Hebammen \u201eehrbar verheirateten Frauen\u201c unterstellt.<\/li>\n<li>Ab 1500 musste jede Hebamme vereidigt werden. Sie musste einen guten kirchlichen Leumund haben und war rechenschaftspflichtig (Hebammen-Ordnung). Mit dieser <em>Verordnung<\/em> wurden Hebammen in ihrem Tun st\u00e4rker reglementiert, kontrolliert und eingeschr\u00e4nkt. Hebammen wurden \u00e4rztlicher (m\u00e4nnlicher) Kontrolle unterstellt. Doch diese \u00c4rzte waren wenig kompetent, da sie in Frauenheilkunde nicht ausgebildet waren.<sup><a id=\"fnref-5\" href=\"#fn-5\">5<\/a><\/sup><\/li>\n<li>Um 1520 erging das erste Verbot, Abtreibungsmittel zu verkaufen.<\/li>\n<li>Mit der Vergabe des Privilegs zu Abgabe von \u201eMedicamenten\u201c an die neugeschaffenen Apotheken ab 1579 wurde der \u201eSalbenhandel\u201c (der abtreibende Mittel miteinschloss) verboten.<\/li>\n<li>Apotheker-Eid: Leipziger Eidbuch von 1590: \u201e\u2026 will auch die zugerichten unnd von mir bereytten Artzneyen und Composita mit dem Tittel der Zceit, wan sie von mir gemacht wordenn, domit man sich dornach zcu richten, bezeichen unnd beschreiben, unnd keine Gieff t und Gieff tige Artzneyen. Auch nicht, was die Fruechte abtreyben magk, ainigen vordechtigen personen verkauffen noch zukommen lassen. Sondern, do ich von Jemand dorumd angelangt werde, solches dem Burgermeister vormelden. &#8230;\u201c <sup><a id=\"fnref-6\" href=\"#fn-6\">6<\/a><\/sup><\/li>\n<li>Es kommt zur medizinischen Unterversorgung der Frauen. Hebammen wurden zu gef\u00fcrchteten \u201eEngelmacherinnen\u201c, da durch <em>schwindendes Wissen<\/em> die Sterblichkeit von Kindern und M\u00fcttern zunimmt.<\/li>\n<li>Trotz angestiegener Sterblichkeit setzte ein Bev\u00f6lkerungswachstum ein, dessen Auswirkungen bis heute reichen. Die kinderreichen Familien der vorindustriellen Zeit sind u.a. ein Ergebnis <em>verlorengegangenen Wissens<\/em>.<\/li>\n<li>Das Zusammenleben im<em> Konkubinat<\/em> (ohne Heirat) wird ge\u00e4chtet (Frankreich 1515) und ab 1563 als \u201eschwere S\u00fcnde\u201c verurteilt und mit Exkommunikation belegt.<\/li>\n<li>Kinder unehelicher Beziehungen werden ge\u00e4chtete Bastarde und sind Zeichen der S\u00fcnde.<\/li>\n<li>Es kommt zum sprunghaften Anstieg der Kindst\u00f6tungen \u2013 und seit dem 16. Jh. zur versch\u00e4rften Verfolgung von Kindsm\u00f6rderinnen. Noch bis 1996 werden gesellschaftlich ge\u00e4chtete unverheiratete M\u00fctter und ihre Kinder in Irland in katholischen \u201eMagdalenenheimen\u201c <em>versteckt<\/em>\u2026 unter Mitwirkung staatlicher Stellen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Kirche schafft es, ihre <strong>sexualfeindlichen Dogmen und ihr herabsetzendes Frauenbild<\/strong> bis zum Ende der Hexenverfolgung als \u201enormal\u201c zu etablieren\u2026 mit <em>teilweiser<\/em> Anerkennung bis heute. Diese entstandenen geschlechtsbezogenen Rollenbilder wurden auch <em>exportiert<\/em>. Mit der Kolonialisierung und Christianisierung anderer Kontinente wurden hier Frauen herabgew\u00fcrdigt bzw. entm\u00fcndigt \u2013 auch in Kulturen, in denen es diese Geringsch\u00e4tzung von Frauen bisher nicht gab.<\/p>\n<p>Die Ehe wurde durch Martin Luther und die Reformation zum <em>einzigen gesellschaftlich akzeptierten Lebensweg <\/em>f\u00fcr eine Frau \u2013 unter Herrschaft und Rechtsvertretung des Mannes.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die M\u00e4nner durch sie geboren werden.\u201c<sup><a id=\"fnref-7\" href=\"#fn-7\">7<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Paragraph 218 hat noch heute Rechtsg\u00fcltigkeit. Im November des Jahres 2016 konnten es tausende Frauen in Polen verhindern, dass von Seiten der katholisch-konservativen Regierung Schwangerschaftsabbr\u00fcche \u2013 selbst bei Vergewaltigung oder Gefahr f\u00fcr das Leben der Mutter \u2013 wieder neu verboten und unter Gef\u00e4ngnisstrafe gestellt werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_236\" aria-describedby=\"caption-attachment-236\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-236\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/mailart-3-300x121.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/mailart-3-300x121.jpg 300w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/mailart-3-768x310.jpg 768w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/mailart-3-1024x413.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-236\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Carla Wecke\u00dfer | Mail-Art zum \u00a7218 | Ausstellungser\u00f6ff nung 04.07.1996 Frauenkultur<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<p>Bis ins 20. Jahrhundert waren die meisten Frauen von (Universit\u00e4ts-) Bildung ausgeschlossen. Frauen wurden oft <em>gleichgesetzt<\/em> mit \u201eNatur\u201c; Mann mit \u201eGeist und Verstand\u201c. Der in der Zeit der Hexenverfolgung beginnende Humanismus, die Zeit der Aufkl\u00e4rung werden verbunden mit \u201em\u00e4nnlichem Geistesschaffen\u201c. Dieses Bild wirkt bis heute.<\/p>\n<p>Herrschende oder \u00f6ffentlich-politisch entscheidende Frauen <em>verschwanden<\/em> mit der Hexenverfolgung weitgehend. Kaiserinnen wie Mathilde oder Theofanu um 1000 oder einflussreiche Kirchenlehrerinnen wie z.B. Hildegard von Bingen waren im deutschsprachigen Raum nicht mehr m\u00f6glich. Eigenst\u00e4ndiges wirtschaftliches Handeln und gerichtliche M\u00fcndigkeit erlangen Frauen erst im 20. Jahrhundert zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das Bild von <em>bestimmten<\/em> Frauen als \u201ed\u00e4monisch, \u00fcbersexuell aktiv und missg\u00fcnstig\u201c konnte sich durch jahrhundertelange Hexenverfolgung tief im kollektiven Bewusstsein <em>verankern<\/em> und ist in bestimmten Situationen auch in unserer modernen Zeit noch vorhanden.<\/p>\n<p>Die konsequente Aufarbeitung der Hexenverfolgung als gesellschaftliches Unrecht an vielen tausenden Menschen ist bis heute noch nicht erfolgt. Es ist irritierend und unverst\u00e4ndlich, dass das nach der Bibel am meisten verbreitete Buch des ausgehenden Mittelalters, der fr\u00fchen Neuzeit, des beginnenden Humanismus\u2026 <em>der Hexenhammer<\/em> (bis 1669 insgesamt in 29 Auflagen erschienen) in seiner historischen wie auch gesellschaftlichen Wirkungsgeschichte sehr wenig erforscht worden ist.<\/p>\n<p>Der Rat der Lutherstadt Wittenberg hat im Oktober 2013 (wie inzwischen \u00fcber 50 St\u00e4dte deutschlandweit) eine sozial-ethische Rehabilitation der Opfer der Hexenverfolgung ausgesprochen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Stadtrat Wittenberg hat beschlossen, die im Rahmen der sogenannten Hexenprozesse im Bereich der Stadt Wittenberg unschuldig verurteilten Menschen sozial-ethisch zu rehabilitieren, um damit einen sichtbaren Beitrag zur Wiederherstellung der Ehre der Verfolgten und Hingerichteten zu leisten.\u201c<sup><a id=\"fnref-8\" href=\"#fn-8\">8<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein historisch \u00fcberf\u00e4lliger Schritt. Immer mehr Frauen und M\u00e4nner fordern, dass den Opfern der Hexenverfolgung <em>ihre Menschenw\u00fcrde<\/em> wieder zugesprochen wird \u2013 und dass <em>Unrecht auch als Unrecht<\/em> benannt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_237\" aria-describedby=\"caption-attachment-237\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-237\" src=\"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/daemonin-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/daemonin-209x300.jpg 209w, https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/daemonin.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-237\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Lilith | Luisa Francia<\/span><\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Luisa Francia: &#8222;Heute erinnere ich an alle Frauen, die als \u201eHexen\u201c ermordet wurden, nicht weil sie etwa Zauberinnen waren, sondern weil sie der Inquisition im Weg standen. Sie waren B\u00e4uerinnen, Gr\u00e4finnen, reiche gebildete einflussreiche Frauen, Hebammen, Heilerinnen, Kr\u00e4uterfrauen. Ihre G\u00fcter wurden beschlagnahmt, ihre Rezepte wurden zu \u201eKloster Rezepten\u201c, ihre Weisheit wurde l\u00e4cherlich gemacht. Sie wurden absurder Handlungen angeklagt, wie: K\u00e4lbchen mit Sauerkraut zu Tode gehext oder: Kind verhext, so dass es Nadeln spuckt. Ich ehre und achte diese Frauen und halte es mit dem afrikanischen Sprichwort: Wenn wir gro\u00df sind, dann weil wir auf den Schultern unserer Ahninnen stehen.&#8220;<sup><a id=\"fnref-9\" href=\"#fn-9\">9<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Quellen:<\/strong><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-1\"><span style=\"font-size: 10pt;\">1. Wolf-Graaf, Anke (1983): Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit. Eine Bildchronik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag<a href=\"#fnref-1\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-2\"><span style=\"font-size: 10pt;\">2. Leipziger Volkszeitung <a href=\"#fnref-2\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-3\"><span style=\"font-size: 10pt;\">3. Kuhn, Anette (Hrsg.) (2003): Die Chronik der Frauen. Dortmund: Chronik Verlag<a href=\"#fnref-3\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-4\"><span style=\"font-size: 10pt;\">4. Wilde, Manfred (2003): Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. K\u00f6ln: B\u00f6hlau Verlag<a href=\"#fnref-4\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-5\"><span style=\"font-size: 10pt;\">5. Wolf-Graaf, Anke (1983). s. O.<a href=\"#fnref-5\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-6\"><span style=\"font-size: 10pt;\">6. Thieme, Horst (Hrsg.); Gerlach, Sigrid (1986): Leipziger Eidbuch von 1590. Leipzig: VEB Fachbuchverlag<a href=\"#fnref-6\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-7\"><span style=\"font-size: 10pt;\">7. zitiert nach: Frank Schumann (Hrsg.)(2016): Luther heute. Ein trefflich Wort, Berlin: Verlag Neues Leben, S. 33<a href=\"#fnref-7\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-8\"><span style=\"font-size: 10pt;\">8. Website von Hartmut Hegeler. URL: http:\/\/www.anton-praetorius.de\/<a href=\"#fnref-8\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-9\"><span style=\"font-size: 10pt;\">9. Website von Luisa Francia: URL: www.salamandra.de<a href=\"#fnref-9\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Bilder aus:<\/strong> Wolf-Graaf, Anke (1983): Die verborgene Geschichte der Frauenarbeit. Eine Bildchronik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong> Illustration Lilith:<\/strong> Francia, Luisa (2012): Das G\u00f6ttinnenspiel. 40 G\u00f6ttinnenkarten mit einem Begleitbuch<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Alltag der Menschen im Mittelalter war bis zum 14. 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