{"id":64,"date":"2017-05-26T12:50:52","date_gmt":"2017-05-26T10:50:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=64"},"modified":"2017-05-29T18:02:36","modified_gmt":"2017-05-29T16:02:36","slug":"martin-luther-teufelsglaube-zauberei-und-hexenwesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hexenprozesse-leipzig.de\/?p=64","title":{"rendered":"Martin Luther"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Luthers Hexenbild<\/strong><\/h3>\n<p>Martin Luther hat den Begriff der Hexe oder auch den der Zauberin nicht einheitlich verwandt. Zu seiner Zeit war das Hexenbild nicht klar gefasst, vielmehr wurden ihm unterschiedliche Ph\u00e4nomene zugeordnet und auch eine geschlechtliche Zuordnung war nicht eindeutig. Das spiegelt sich auch in Luthers Werken wider: Personen, die er mit Magie in Verbindung brachte, nennt er u. a. \u201eTeufelshure\u201c, \u201eVettel\u201c, \u201eWettermacherin\u201c, \u201eWeissager\u201c, \u201eZauberer\u201c oder \u201eZ\u00e4uberin\u201c. Diese Begriffe beziehen sich zwar zahlenm\u00e4\u00dfig gleicherma\u00dfen auf Frauen und M\u00e4nner; jedoch ist die Wortwahl bezogen auf Frauen negativ konnotiert (z. B. \u201esch\u00e4ndliche Wetterhure\u201c). Frauen traute Luther in besonderer Weise eine N\u00e4he zum Teufel, zu Hexerei und Schadenszauber zu. Das resultierte aus seiner \u201eGeschlechterperspektive\u201c: Frauen sind vom Teufel leichter zu verf\u00fchren; schlie\u00dflich hat Gott nicht ohne Grund den M\u00e4nnern die Priesterschaft \u00fcbertragen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Frau verstand nicht wie der Mann, was sie nicht von Gott vernommen hatte, sondern mu\u00dfte vom Mann erfahren, das, was sie in ihrer \u201aEinfachheit\u2018 nicht verstanden hat. Adam h\u00e4tte [die verbotene Apfelnahme] verhindern k\u00f6nnen. Paulus an Timotheus: M\u00f6gen eure Sinne nicht fehlgeleitet werden von der \u201aEinfachheit\u2018 wie in Eva. Sorgf\u00e4ltig mu\u00df das da aus diesem Text beachtet werden: Satan versucht alle. Adam greift er nicht an. Immer greift er uns n\u00e4mlich an der Stelle an, wo er uns f\u00fcr schw\u00e4cher h\u00e4lt. So hat er Eva angegriffen, nicht Adam. \u2026\u201c<sup><a id=\"fnref-1\" href=\"#fn-1\">1<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Martin Luther unterstellte nicht allen Frauen eine N\u00e4he zum Teufel. Er unterschied vielmehr zwischen \u201eehrlichen Weibern\u201c (M\u00fcttern, Schwestern, Ehefrauen) und \u201esch\u00e4ndlichen Weibern\u201c (Prostituierte, Ehebrecherinnen und eben Zauberinnen). Trotz aller Unbestimmtheit in begrifflichen Fragen konzentrierte sich Luther, wenn es um die Verurteilung von Zauberei und Hexerei ging, vor allem auf die \u201ealte Frau\u201c.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas dritte Lebensalter ist das der alten Hexen (ventularum), oder derer, die sich mit \u00e4hnlichen Dingen wie diese abgeben, die mit dem Teufel ein B\u00fcndni\u00df machen, von denen man \u00fcberall Kunde hat. \u2026\u201c<sup><a id=\"fnref-2\" href=\"#fn-2\">2<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Luther sah in den alten Frauen die Gruppe, die den Teufelspakt eingehen und dann B\u00f6ses wirken: Sie \u201eblenden\u201c (Vorspiegeln falscher Tatsachen), sie k\u00f6nnen k\u00f6rperliche Gebrechen herbeif\u00fchren, sie sind verantwortlich f\u00fcr den Hexenschuss, k\u00f6nnen sogar den Tod bringen. Ihnen ordnet er sowohl das Wettermachen als auch das Verderben von Ernten und Vieh zu.<\/p>\n<h3><strong>Teufelsglaube und Reformation<\/strong><\/h3>\n<p>Martin Luther glaubte an Ph\u00e4nomene wie Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft, an Wahrsagerei und \u201ewei\u00dfe Magie\u201c. F\u00fcr ihn geh\u00f6rten sie in ein und dieselbe Kategorie. Sie dienten der Pr\u00fcfung des Einzelnen: Nur wer an Gott glaubt, dessen F\u00fcrsorge erbittet und auf Gottes Rat hofft und vertraut, der ist auf dem rechten Pfad.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDeshalb sch\u00f6pfen wir die feste Hoffnung, da\u00df wir auch forthin durch Christum Sieger sein werden wider den Teufel, und diese Hoffnung gibt uns einen festen Trost, so da\u00df wir uns in allen Anfechtungen so aufrichten k\u00f6nnen: Siehe, der Satan hat uns zuvor auch angefochten und uns durch seine T\u00e4uscherei verlocken wollen zu Unglauben, Gottesverachtung, Verzweiflung etc., und hat doch nichts ausgerichtet, darum wird er auch k\u00fcnftighin nichts ausrichten. &#8230; Doch \u00fcberwindet uns der Teufel bisweilen im Fleische, damit wir selbst auf diese Weise die Macht des St\u00e4rkeren wider jenen Starken erfahren m\u00f6chten und mit Paulus sprechen [2 Cor. 12, 10.]: \u201aWenn ich schwach bin, so bin ich stark.\u2018 \u201c<sup><a id=\"fnref-3\" href=\"#fn-3\">3<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Nach seiner Auffassung war auch die \u201ealte Kirche\u201c samt ihrer Lehren und Gebr\u00e4uche \u201eeitel Menschenwerk\u201c, ja sogar \u201ereines Teufelswerk\u201c; im Papst sah er den \u201eAntichrist am Werk\u201c. Ihm ging es um Bekehrung und Hinwendung zum rechten Pfad, Reformation verstanden als Erneuerung und R\u00fcckkehr zum wahren Glauben. Luther glaubte, \u00fcberall die Wirkungen und Einfl\u00fcsse des Teufels, der \u201esatanischen Macht\u201c beobachten zu k\u00f6nnen, die sich nicht blo\u00df \u00fcber die Geister und Seelen der Menschen erstrecken konnte, sondern auch \u00fcber deren Leib und Leben, deren Tiere und Habe, Haus und Hof, Feld und Weide. Mit einem Wort: \u00fcber die ganze sichtbare Sch\u00f6pfung. So nahm er auch den \u201eGegenwind\u201c, der seiner Mission entgegen blies, als eine Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass \u201eihm der Teufel \u00fcberall pers\u00f6nlich in den Weg trat\u201c und das in vielerlei Gestalt. Aus dieser \u00dcberzeugung heraus kann er auch ohne Skrupel die Verurteilung von Zauberern und Hexen jedweder Art guthei\u00dfen. Sie sind vom \u201erechten Glauben abgefallen\u201c, sind dem \u201eTeufel anheimgefallen\u201c und verdienen es, bestraft zu werden. Das schlie\u00dft auch die Todesstrafe ein; Luther h\u00e4lt sie f\u00fcr ein geeignetes Mittel in Sachen Hexerei und Teufelsglaube.<\/p>\n<h3><strong> Ausbreitung des Luther\u00b4schen Katechismus und Hexenwahn<\/strong><\/h3>\n<p>Von alters her glaubten die Menschen in ganz Europa an die Existenz von Hexen und Zauberern. So galten Hexen als mit Zauberkr\u00e4ften ausgestattete Personen, die sowohl heil- als auch unheilbringende F\u00e4higkeiten besa\u00dfen. Bis ins ausgehende Mittelalter hinein taten Kirche und Staat den Volksglauben an Hexen und Zauberei noch als Aberglaube ab und straften eher milde.<\/p>\n<p>Erst in der fr\u00fchen Neuzeit, etwa eine Generation nach Luthers Tod (1546), begann das, was wir heute allgemein als Hexenwahn und -verfolgung bezeichnen. Dies geschah mit einer kaum mehr vorstellbaren Intensit\u00e4t und Ausbreitung in ganz Europa, besonders aber in den deutschsprachigen L\u00e4ndern. 1529 erschienen in Wittenberg Luthers kleiner Katechismus (\u201eEnchiridion\u201c) und gro\u00dfer Katechismus (\u201eDeutscher Katechismus\u201c). Angetrieben durch die M\u00f6glichkeit des Buchdrucks fanden beide Katechismen eine nie erlebte Verbreitung; bereits 1536 erschien der \u201eDeutsche Katechismus\u201c in 15. Auflage. Der gro\u00dfe Katechismus Luthers diente nicht nur als Lehrbuch f\u00fcr Prediger oder als Handbuch f\u00fcr Luthers Sch\u00fcler; vielmehr war es Luther selbst, der den gro\u00dfen Katechismus als wahres Hausbuch f\u00fcr alle Familien lobpries.<\/p>\n<p>So fand mit der Ausbreitung des Luther\u00b4schen Katechismus auch sein Teufelsglaube weite Verbreitung. Vor allem seine \u00dcbersetzung der Zehn Gebote machten seine \u00dcberzeugungen in Bezug auf die Allgegenw\u00e4rtigkeit des Teufels und seiner Verb\u00fcndeten, der Hexen und Zauberer, zum Gemeingut des Volkes und leisteten so zumindest mittelbar dem Hexenwahn Vorschub.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Quellen:<\/strong><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-1\"><span style=\"font-size: 12pt;\">1. Luther, Martin: Predigt \u00fcber 1. Mose 3,1-6 vom 14.5.1523: Frauen vom Teufel bevorzugt, S. 130, W3,73.77 URL: http:\/\/archive.org\/stream\/werkekritischege14luthuoft#page\/130\/mode\/2up<a href=\"#fnref-1\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-2\"><span style=\"font-size: 12pt;\">2. Predigt 6. Juli 1516 \u00fcber die 10 Gebote, Das erste Gebot: Uber die Hexen, die mit dem Teufel einen Bund eingehen. W3, 1148ff S. 1148- S. 1158 URL:https:\/\/babel.hathitrust.org\/cgi\/pt?id=mdp.39015074631790;view=1up;seq=589<a href=\"#fnref-2\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p id=\"fn-3\"><span style=\"font-size: 12pt;\">3. Luther, Martin: Vorlesungen \u00fcber den Galaterbrief, Gal 3,1. Oktober 1516. In: Dr. Martin Luthers S\u00e4mmtliche Schriften, herausgegeben von Dr. Joh. Georg Basch. 9. Band. St. Louis 1893, S. 260f. URL:https:\/\/babel.hathitrust.org\/cgi\/pt?id=mdp.39015074631832;view=1up;seq=157<a href=\"#fnref-3\">\u21a9<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">\u00dcbersetzungen entnommen aus Hartmut Hegeler (2016): Lesebuch zum Thema \u201eHexen\u201c und \u201eZauberei\u201c in Predigten, Vorlesungen, Tischreden von Martin Luther.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luthers Hexenbild Martin Luther hat den Begriff der Hexe oder auch den der Zauberin nicht einheitlich verwandt. 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