Louise Otto-Peters und die Hexenverfolgung

 

Louise Otto (26.03.1819 – 13.03.1895) – ihr Geburtsname und Name als Künstlerin und Feministin – wurde als jüngste Tochter einer liberal-aufgeklärten bürgerlichen Meißner Familie geboren, in der Politik und eine allgemeine Begeisterung für Musik, Theater und Literatur eine große Rolle spielten.1) Seit ihrer Kindheit waren ihr Friedrich Schillers gegen Vorurteile gerichtete Texte und seine Frauengestalten wichtig, später kamen weitere Vorbilder dazu.

Im Austausch mit anderen und durch Selbststudium verband sie ihre vielseitigen Interessen immer auch mit Fragen zur gesellschaftlichen Stellung von Frauen. Resultate dessen waren erste Veröffentlichungen ab 1842/43, denen zahlreiche Schriften in fast allen Genres folgten. Für unverheiratete Frauen ihres Standes war damals u. a. das Schreiben eine gesellschaftlich anerkannte Einkommensquelle.

Parallel zu ihrer literarischen und journalistischen Entwicklung engagierte sich Louise Otto im Vormärz als führende Vertreterin der Demokratiebewegung in Sachsen. Nach der Revolution 1848/49 nahmen die Repressionen auch in ihrer unmittelbaren Umgebung durch Verbot einzelner Vereine und Zeitungen, dann durch die in den meisten Bundesstaaten erlassenen Vereins-, Versammlungs- und Pressegesetze zu.

Schließlich gehörte Louise Otto selbst zu den politisch Überwachten und musste ihre „Frauen-Zeitung“ (1849–1852), in der sie die Idee einer „untheilbaren Freiheit“ – also politische, soziale und religiöse Grundrechte uneingeschränkt für alle Menschen – forderte, aufgeben. In dieser Phase beschäftigte sie sich intensiv mit Geschichte2), darunter die Geschichte der Hexenverfolgung3), sowie mit Kunst und Kunstgeschichte.4)

Louise Otto verfolgte auch in den in der Folge entstandenen Schriften ihren demokratischen Ansatz eines weitgreifenden Emanzipationskonzeptes. Sie forderte ganzheitliche Bildung, gleichberechtigte Teilhabe an Erwerbsarbeit und grundlegendes Wissen für eine Berufstätigkeit; ebenso Teilhabemöglichkeiten an Kunst und Kultur – mithin eine ethische und ästhetische Persönlichkeitsentfaltung für alle Menschen, bis hin zum freien Eintritt in Kultureinrichtungen.

Kunst ermögliche, nach Louise Otto, ein umfassendes Verständnis von Welt und Umwelt, dass Wissenschaft allein nicht leisten könne. Kunst- und Literaturschaffende verstand sie als Aufklärende und Wissensvermittelnde zugleich.

Im 19. Jahrhundert gehörte die Hexenthematik zu den wesentlichen deutschen Streit- und Zeitfragen und Louise Otto war vermutlich die einzige engagierte Denkerin der frühen deutschen Frauenbewegung, die in den öffentlichen Diskurs zur Thematik eingriff.

Zum einen um als Frau über Frauen zu schreiben und um Frauen anzuregen, sich mit Geschichte zu beschäftigen; zum anderen um mit ihrer Interpretation von Geschichte in der bislang vorwiegend männlichen Geschichtsschreibung – reich gefüllt mit Diskriminierungen gegen Frauen – alternative Handlungsmuster zu platzieren.

Sie nahm es also selbst in die Hand, Frauen in die Geschichte einzuschreiben und diese damit zu gestalten. Mit dieser engagierten Literatur übte Louise Otto zudem Religionskritik. Diese Kritik zielte letztlich auf die „Emanzipation der Religion von der Kirche“.5)

„Zu den Beschäftigungen mit der Hexenzeit trieb mich nicht allein meine Weltflucht – oder meine Vorliebe für Mittelalter und Romantik – es trieb mich a u c h d a z u : Die Frauenfrage. Die Resultate, die ich daraus für sie gewann, waren etwa die folgenden: Man darf niemals, wie und wo auch die gesunde Vernunft in’s Gesicht geschlagen werde, leichthin denken, wie oben gesagt: Der Unsinn müsse in und von sich selbst zerfallen, das geschieht nicht, es muß gegen ihn gekämpft werden.
Die Hexenzeit beweist: der einmal umnebelte Menschenverstand läßt sich […] das Dümmste und Unsinnigste gefallen. Die Pfaffen suchten nach einem neuen Mittel, die Herrschaft über die Menge zu behaupten, da der Glaube vorbei war, mußte der Aberglaube helfen. Damit die Köpfe nicht zu denken anfingen, mußte man auf ihre Kosten die Phantasie mit gräßlichen Spukgeschichten erhitzen und quälen. […] so konnte der Wahn epidemisch werden, so konnte man aus ihm geistlich und weltlich Nutzen ziehen.“6)

Da Geschichtsschreibung immer subjektiv ist, nutzte Louise Otto ihre Darstellung von Geschichte als Strategie zur klassen-, glaubens- und nationsübergreifenden Identitätsstiftung. Dabei setzte sie dem romantischen Paradigma des Hexen-Narrativs (die Hexe als Opfer, Heilerin oder Rebellin) das rationalistische Paradigma (die Hexe als Wahn von Gelehrten, Theologen und Juristen) entgegen.

Dies erfolgte mehr als 40 Jahre lang in unterschiedlichen Genres, u. a. entstanden historische Erzählungen, Romane und biografische Porträts. Am Anfang stand der Vortrag im Januar 1849 vor dem demokratischen Frauen-Verein in

Oederan7), 1891 publizierte sie das Manifest „Mahnungen aus der Hexenzeit“.8) In diesem Zusammenhang entwickelte Louise Otto eine populäre Geschichtsschreibung zur Herausbildung eines feministischen Geschichtsbewusstseins und einer feministischen Erinnerungskultur.

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