Vom Kräuterwissen zum Hexenwerk

„Erinnere du dich Beißfuß,
was du verkündest,
was du anordnest in
feierlicher Kundgebung.
Una heißt du,
das älteste der Kräuter;
Du hast Macht gegen drei
und gegen dreißig,
du hast Macht gegen Gift
und gegen Ansteckung,
du hast Macht gegen das Übel,
das über das Land dahinfährt.“
Angelsächsischer Kräutersegen 9. Jh u. Z.

Kräuter und Pflanzen gehörten für die Menschen seit Anbeginn ganz selbstverständlich als Heil- und Nahrungsmittel zum Alltag. Das Wissen um die Anwendung und Wirkung von Kräutern war weit verbreitet. Die Pflanze war nicht nur Körper, sondern sie wurde damals als machtvolle Wesenheit betrachtet.

Bei Krankheit traten die Menschen mit der Pflanze in Kontakt und baten sie um Heilung. Um die volle Wirkung der Pflanze zu erschließen, musste der Erntezeitpunkt beachtet werden, bedurfte es eines Rituals und eines bestimmten Spruches (vgl. Kräutersegen). Zeitpunkt, Spruch und Ritual waren ein Schlüssel, mit dem die Heilkraft einer Pflanze erschlossen wurde.1)

Durch die Christianisierung veränderte sich die Stellung der Menschen zur Natur. Sie waren nun nicht mehr Teil der Natur, sondern wurden durch die Bibel aufgefordert, sich die Erde untertan zu machen. Mit der christlichen Deutung von Krankheit als Strafe Gottes, wurde die Anwendung von Heilmitteln zur Sünde erklärt. Es galt, sich dem Willen Gottes zu beugen. „Gott heilt und Dämonen bringen Krankheiten“.2)

Diese veränderte Sichtweise beeinflusste auch das Verhältnis zu den einheimischen Heilkräutern.


Erklärung zum Bild:
Im Gegensatz zum streng geordneten Klostergarten wurde eine als Hexe bezeichnete Frau als mit den Gestirnen und der Wildnis verbundene Alte dargestellt, die um die Zusammenhänge in der Natur wusste.


Der Kräutergarten der Hexe, Hans Weiditz 1532

Dieser Einfluss der Christianisierung lässt sich anhand von historischen Quellen nachvollziehen:

Von der antiken Kräuterlehre zu den Klostergärten

Dioscorides, ein griechischer Militär-Arzt (ca. 50 u. Z.) führte in der Materia Medica die Anwendungsmöglichkeiten der späteren „Hexenkräuter“ an, z. B. wurden 19 Kräuter als Verhütungsmittel genannt (z. B. Sadebaum = Jungfernrosmarin).

Karl der Große erließ im Jahr 812 die Reichsdomänenordnung Capitulare de villis zum Anbau von Pflanzen in Bauerngärten. Darin wurden Pflanzen genannt, die im ehemaligen Imperium Romanum zur natürlichen Vegetation gehörten aber ursprünglich im Norden nicht heimisch waren (z. B. Salbei).

In der Reichsabtei Lorch bei Worms entstand während der Herrschaft von Karl dem Großen der Macer Floridus, ein Kräuterbuch auf der Grundlage der Lehren der Antike (Dioscorides, Hippokrates und Galen). Es wurde das einflussreichste Werk der Klostermedizin über Jahrhunderte hinweg.

Mönche und Nonnen legten nun auch Kräuterbeete in ihren Klöstern an. Darin wuchsen nicht die wildwachsenden Kräuter und Wurzeln, sondern Pflanzen aus dem Heiligen Land, die in der Bibel erwähnt wurden.

Ein Vorreiter der Klostergartengestaltung war Walahfried Strabo. Zwischen 842 und 849 schuf er als Abt des Benediktinerklosters Reichenau ein Gedicht über den Hortulus im Kloster. In 444 Versen werden die 24 Pflanzen des klösterlichen Kräutergartens beschrieben. Klostergärten wurden nach diesem Vorbild angelegt.

Bereits um 900 u. Z. wurde das Fest der Kräuterweihe christianisiert und zu Maria Himmelfahrt (15. August) gewandelt.3)

Hildegard von Bingen beschrieb in ihrer zwischen 1150 -1160 entstandenen Physica, die Heilkräfte der Natur. Als Erste nahm sie einheimische Gewächse in ihr Werk auf (z. B. Quendel).

Die mittelalterliche Warmzeit zwischen 950 und 1250 n. Chr. führte auf der Nordhemisphäre zu überdurchschnittlich hohen Temperaturen, besonders im Vergleich zur anschließenden Kleinen Eiszeit. Dadurch konnten sich die mediterranen Pflanzen in den Klöstergärten anpassen und heimisch werden.

Wie wurde ein Kraut zum „Hexenkraut“?

Kräuter wurden im „Hexenhammer“ nicht von vornherein ‚verteufelt‘. Generell hieß es: „Es ist erlaubt, Steine oder Kräuter ohne Beschwörung, anzuwenden.“4)

Wichtig war der Zusatz „ohne Beschwörung“.

Die Bevölkerung ließ sich ihre Heilkunde nicht nehmen, war sie doch auf deren Heilwirkung angewiesen. Deshalb ging die Kirche Kompromisse ein und erlaubte Kräuter, so lange sie von einem Priester geweiht waren oder mit dem Sprechen von christlichen Gebeten geerntet wurden.

Diese Kräuter oder Pflanzenteile wurden zum Schutz vor Dämonen und Unwettern verwendet, indem sie am Stall oder in der Wohnstätte aufgehängt, ins Feld gesteckt oder am Körper als Amulett getragen wurden.

„Wenn am ersten, oder zweiten Tage ein Weib oder wer immer auch ausgeht, ohne auf den Aufgang oder Untergang der Sonne zu achten, Kräuter, Laubwerk oder Zweige sammelt und sie unter (Herbeten) des Gebetes des Herrn oder des Glaubenssymbols über die Stalltür aufhängt und im guten Glauben an die Wirkung (in Form) des Schutzes dem göttlichen Willen anheimgibt, so wird ein solcher nicht tadelnswert sein.“ (Hexenhammer5))

Es lassen sich verschiedene Strategien im Umgang mit wildwachsenden Kräutern finden:

Einheimische Kräuter wurden mittels frommer Legenden in den christlichen Sprachkosmos integriert.


Lungenkraut/Marienträne


„Am Kreuze stand Jesu Mutter. Es wuchs aber auf dem Kalvarienberge eine grünblättrige Pflanze mit Blüten von tiefem Himmelsblau. Marias Augen waren so blau wie die Blumen, aber ihre Augenlider waren vom Weinen so rot wie die Knospen. Wie sie nun weinte, fielen ihre Tränen auf die Blätter und hinterließen Flecke. …die Pflanze wächst in den Gärten der Hütten und heißt Marienträne.“6)

 


Bei Pflanzen, deren Heilwirkung unabdingbar war und die auf das Engste mit dem täglichen Leben verbunden waren, erfolgte ein Bedeutungswandel:


Brennnessel



Die Pflanze stellte das Heidentum dar und galt in der christlichen Symbolik als die „Hitze der Laster“. Walahfried Strabo verglich sie mit Pfeilen, „verderblich bestrichen mit Gift“. Sie wurde zu einem der wirkungsvollsten Mittel zur Vertreibung von „Hexen“ und Geistern umgedeutet.7)




Pflanzen, die den christlichen Lebenswandel gefährdeten, waren des Teufels und wurden mit entsprechendem Namen kenntlich gemacht.

Teufelswurz/Teufelsauge/Bilsenkraut

Es diente zur Betäubung, und wurde angewendet bei Zahn- und Kopfschmerzen, Ruhr und Schlaflosigkeit. Auch bei vorchristlichen religiösen Zeremonien wurde Bilsenkraut eingesetzt, da es Sinnestäuschungen und Erregungszustände hervorrufen kann. In den Badestuben des Mittelalters diente Bilsenkraut als Mittel zur Luststeigerung.


Kräuter zur Geburtenkontrolle widersprachen dem christlichen Frauenbild und den Machtansprüchen der Kirche und galten als teuflisch.


Hexenkraut/Poleiminze



Die Poleiminze galt seit der Antike als Abortivum (Abtreibungsmittel). Für den Hexentheoretiker Jean Bodin (1529 bis 1596) war diese stark duftende Pflanze ein „Hexenkraut“.






Der Verfolgung von „…Hexen-Hebammen, die die Empfängnis im Mutterleibe auf verschiedene Art und Weise verhindern, auch Fehlgeburten bewirken und wenn sie es nicht tun, die Neugeborenen den Dämonen opfern …“8) ist im Hexenhammer ein gesondertes Kapitel gewidmet. Den sogenannten ‚Hexen-Hebammen‘ wurde unterstellt, dass sie ihre Ziele sowohl durch den Einsatz von Kräutern als auch durch die Ausübung von Hexerei erreichten.

Insbesondere im Bereich der Frauenheilkunde wurde altes Kräuterwissen dämonisiert, mit Angst belegt und aus dem Alltag verbannt. Damit wurde den Frauen ein wesentlicher Teil der Selbstbestimmung über ihren Körper genommen.

Bis heute ist im § 219a die Verabreichung abortiv wirkender Pflanzen unter Strafe verboten. Den anfangs erwähnten Beifuß kennen wir in unserer Gegenwart meist nur noch als Beigabe zum weihnachtlichen Gänsebraten. Dieses christlich belegte Fest der Wintersonnenwende galt einst der Göttin Holle, deren Begleittier die Gans war.9)

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